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Bollwein Josef

Leben

geboren: 29.06.1904 in Burgweinting in der Grumprechtstraße 5.

hingerichtet: 12.08.1943 in München-Stadelheim

Josef Bollwein wuchs mit drei Geschwistern in Burgweinting auf und arbeitete ab dem zehnten Lebensjahr als Hütbub bei Bauern. Mit vierzehn Jahren lernte er das Schreinerhandwerk und legte zweieinhalb Jahre später die Gesellenprüfung ab. Bis 1922 war er Wanderbursche in verschiedenen Schreinerwerkstätten. Während der Weimarer Republik hatte er wie viele andere öfter mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

1929 heiratete Bollwein und wurde erstmals Vater, seine Frau starb jedoch bereits drei Jahre später. 1933 vermählte er sich mit einer Witwe, die ebenfalls ein Kind in die Ehe brachte. Gemeinsam hatten sie noch zwei Kinder. Die Familie wurde damit insgesamt sechsköpfig und lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen. Ab 1938 arbeitete Bollwein bei der Reichspost als Bahnpost-Facharbeiter und nach Kriegsausbruch wurde er 1940 zum Fahrdienst der Feldpost Nürnberg - Regensburg - Passau und Regensburg - Wörth an der Donau versetzt.

In seiner Zeit der Arbeitslosigkeit trat Bollwein 1930/31 der NSDAP und SA bei, musste im August 1932 aber wieder austreten. Angeblich wegen Nichtzahlung eines Beitrags. Laut seiner Witwe habe sie ihn jedoch zum Austritt gedrängt. 1933 war er einen Monat in „Schutzhaft“.

Verhaftung, Folter und Prozess

Am 01.10.1942 wurde Bollwein im Bahnpostwagen verhaftet und die Justizvollzugsantalt „Augustenburg“ gebracht. Bei der Vernehmung durch die Gestapo wurde er schwer gefoltert und „so geschlagen, dass er nicht mehr wusste, was er sagte“1).

Vermutlich kam er am 03.11.1942 in das KZ Flossenbürg.

Zum Prozess, bei dem insgesamt 19 Zeugen vernommen wurden, wurde Bollwein wieder nach Regensburg überstellt. Die Zeugen äußersten u.a. folgendermaßen.

Ein Zeuge der Neupfarrplatz-Gruppe sagte: „Bollwein habe ich 1931 am Neupfarrplatz kennengelernt. In dieser Zeit war er ein Anhänger der SPD. Er trug eine Nadel hinter dem Rockaufschlag mit rotem Glasknopf. Er sagte mir nicht, dass er Kommunist war oder ist, aber man muss seinen Reden nach auf diese Ansicht kommen.“2)

Ein anderer Zeuge meinte, dass sich Bollwein ihm gegenüber nie in einem kommunistischen Sinn geäußert habe. Ein weiterer berichtete: „Im Wartesaal in Passau (am Ende einer Dienstfahrt), als nach den Nachrichten und einer Siegesmeldung im Radio die nationalen Lieder gespielt wurden (Deutschland- und SA-Lied), waren Bollwein und ein anderer zunächst nicht aufgestanden, erst nachdem sie zur Rede gestellt wurden…“3)

Ein mitangeklagter Maschinist am Hafen sagte über Bollwein, er hätte ein Oktavheft „Politische Notizen“ gehabt, in das er Namen von schlimmen Nazis eingetragen habe, für den Tag, an dem einmal die Abrechnung kommen würde. Ferner soll Bollwein zwei russische Passagierscheine für Überläufer besessen haben, die er von einem unbekannten deutschen Soldaten bekommen haben will.4)

Bollwein wurde zur Last gelegt die Sender Beromüsnter (Schweiz), London, Moskau und Österreichischer Freiheitssender abgehört haben. Laut Zeugenaussagen habe er im Radio Pläne des englischen Außenministers Eden über die Bildung einer Donaumonarchie (Österreich und Bayern) gehört. 1942 wurde von der Gestapo ein anonymer Brief Bollweins abgefangen, in dem er die Frau des als vermisst gemeldeten Bremers Hermann Blanke informierte, dass ihr Mann in russischer Gefangenschaft sei und es ihm gut gehe. Diese Meldung hatte Bollwein vom deutschsprachigen Sender Moskau.

Im selben Jahr brachte Bollwein von einer Reise ins Rheinland Abbildungen zerstörter Häuser mit, die er Bekannten gegenüber wie folgt kommentiert haben soll: „Da seht ihr, wie es bei uns zugeht. Unser Radio bringt immer, die Bomben fielen auf freies Feld und verursachen keinen Schaden!“

Bei Bollwein wurde außerdem eine Walter-PPK-Pistole gefunden und als Beweisstück beschlagnahmt. Sie wurde als „Vorbereitung zum kommunistischen Hochverrat“ gewertet.

Anklage

Der Oberreichsanwalt (ORA) sah als schwer belastend an, dass Bollwein: „… jahrelang kommunistische Hetzpropaganda getrieben habe, namentlich im Kreise seiner Arbeitskameraden bei der Bahnpost, die er ständig davon zu überzeugen suchte, dass Deutschland den Krieg verlieren würde.“

Der Volksgerichtshof schrieb über Bollweins politische Aktivitäten in der Anklageschrift: „Der Angeschuldigte war 1921 vorübergehend Mitglied beim Verband der Arbeiterjugend-vereine Deutschlands. Während seiner Wanderzeit als Tischlergeselle und auch als Arbeiter in Regensburg war er mehrfach marxistisch organisiert (d.h. dass er Mitglied der Freien Gewerkschaften war). Einer marxistischen Partei gehörte er nicht an […] Er gebrauchte nie den deutschen Gruß.“5)

Angeklagt wurde Bollwein wegen:

„… von 1940 bis September 1942 in Regensburg, Passau und Wörth a.d. Donau fortgesetzt und teilweise gemeinschaftlich mit anderen durch eine und dieselbe Handlung I. das hochverräterische Unternehmen, mit Gewalt die Verfassung des Reichs zu ändern, vorbereitet zu haben, wobei 1. die Tat darauf gerichtet war, zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen, 2. auf Beeinflussung der Massen durch Verbreitung von Schriften gerichtet war, II. es unternommen zu haben, während eines Krieges gegen das Reich der feindlichen Macht Vorschub zu leisten und der Kriegsmacht des Reichs einen Nachteil zuzufügen III. öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen und zu zersetzen gesucht zu haben, IV. absichtlich ausländische Sender abgehört und Nachrichten ausländischer Sender, die geeignet waren, die Widerstandskraft des deutschen Volkes zu gefährden, vorsätzlich verbreitet zu haben […]“

Todesurteil und Hinrichtung

In der Hauptverhandlung des 6. Senats des Volksgerichtshofs Berlin, die am 09.06.1943 in öffentlicher Sitzung in Regensburg stattfand wurde das Todesurteil gegen Josef Bollwein wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ gesprochen: „Der Angeklagte hat aus seiner ausgesprochen kommunistischen Einstellung heraus jahrelang und systematisch gegenüber Arbeitskameraden und sonstigen Personen hetzerische und volksfeindliche Reden geführt, ferner hat er sich gelegentlich Personen, die ihm bei seiner kommunistischen hetze entgegentraten oder sonst staatsbejahende Äußerungen machten, für die Zukunft notiert. Er hat auf diese Weise nicht nur den kommunistischen Hochverrat vorbereitet, sondern auch öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu zersetzen gesucht und die Feinde des Reiches begünstigt, Der Angeklagte wird daher zum Tode und zu lebenslangem Ehrverlust verurteilt. […] Der Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens. Von Rechts wegen.“6)

In der Urteilsbegründung hieß es u.a.: “[…] Am Tage nach dem englischen Terrorangriff auf Nürnberg im August 1942 erklärte der Angeklagte bei einem Gespräch darüber zwei Arbeitskameraden spöttisch: 'Das habt Ihr nur Eurem Führer zu verdanken.' […] So äußerte er etwa Ende 1941 auf einer Dienstfahrt nach Wörth a.d. Donau in einer Wirtschaft in Gegenwart zahlreicher Gäste nach der Durchgabe der Siegesmeldung: 'Oh, Ihr blöden Hunde, glaubt Ihr denn dieses Zeug? Das ist doch lauter Schwindel.' Dabei tippte er mit dem Finger an seine Stirn.„

Bollwein wurde daraufhin nach München-Stadelheim in das Vollstreckungsgefängnis gebracht und saß dort mitunter zeitgleich mit Mitgliedern der Weißen Rose ein. Seine Frau konnte ihn dort noch zweimal besuchen. Er war ausgehungert und verlangte lediglich nach Brot.

Am 12.08.1943 wurden Josef Bollwein, Johann Kellner und auch u.a. Herrmann Frieb (München) und Josef Wagner (Augsburg) von Scharfrichter Reichert mit dem Fallbeil hingerichtet.

Letzter Brief

Am Tag seiner Hinrichtung schrieb Bollwein einen letzten Brief an seinen Pflegesohn Heinz:

Dein Erziehungsvater sendet dir die letzten Zeilen: heute habe ich den letzten Brief von deiner Mama u Grüsse von dir erhalten mit Freuden hab ich gelesen daß du mich noch besuchen willst, aber leider habe ich gleich darauf erfahren, daß ich um 17 Uhr von dir u deinen Geschwistern und Mama für imer Abschied nehmen muß. Lieber Heinz, du weißt es was ich für dich getan habe. Ehre mich und vergesse mich nicht, den so einen Vater wirst du nicht mehr finden. Bitte dich lieb Heinz halte zu deinen 3 Geschwistern sei gut im ganzen Leben mit Ihnen wie es bisher warst. Hart gehe ich von dieser Welt, den du weißt daß ich imer gut und fleißig u ehrlich für Euch war. Lieber Heinz meine Sachen ehre es dein ganzes Leben gib nichts weg es soll dir ein ewig Andenken sein. Nun lasse dich nochmals zum letzten Male grüssen u küssen hebe dir diesen Brief auf u vergesse mich meiner lieber Heinz nie! München Stadelheim den 12.8.43 dein Pflegevater Bollwein. Leb wohl.„7)

Quellen und Literatur

1) , 3)
Angerstorfer, Dengg: „Regensburg im Widerstand“, S. 44
2)
Angerstorfer, Dengg: „Regensburg im Widerstand“, S. 45
4)
lt. Gestapo-Berichte Dok. 163
5)
Berlin, 27.04.1943 -AZ ORA 6J 13/43 - Abschrift an das OLG München OJS 40/43
6)
vgl. Angerstorfer, Dengg: „Regensburg im Widerstand„, S. 37 u. 48
7)
Angerstorfer, Dengg: „Regensburg im Widerstand“, S. 49
widerstand_und_opfer/neupfarrplatzgruppe/bollwein_josef.txt · Zuletzt geändert: 2016/06/03 13:20 von andreas_schmal